COVID-19 und MS

Spastik

Eines der häufigsten Symptome einer MS ist die Spastik. Definitionsgemäß ist damit eine Muskelsteifheit gemeint, die von Muskelzuckungen bis hin zu einer Muskelstarre führen kann.

Was ist eine Spastik?

Die Spastik ist eines der häufigsten Beschwerden bei MS und tritt bei bis zu ca. 80% der Betroffenen auf [1]. Sie entsteht, wenn sich die Eigenspannung der Muskulatur über das Normalmaß hinaus erhöht. Normalerweise dient die Muskelspannung dazu, dass wir uns aufrecht halten und gehen können. Ein „zu viel“ bedeutet jedoch, dass die Bewegungsfähigkeit des Muskels abnimmt. Es kommt zu einer Muskelsteifheit, die auch als Spastik bezeichnet wird. In der Regel kommt es zu vorübergehenden Verschlechterungsphasen in Form von unwillkürlichen Muskelkrämpfen, während die normale Muskelfunktion allmählich verloren geht. Die Spastik ist einer der Hauptgründe für eine Behinderung bei MS-Patienten, da sie mit (andauernden oder krampfartigen) Schmerzen einhergeht, die Blasenfunktion und Schlafgewohnheiten beeinträchtigt und das Gehen und andere Bewegungen behindert.

Anzeichen einer Spastik

Bei MS-Patienten, die unter Spastik leiden, können verschiedene Symptome auftreten. Dazu gehören:

  • Hypertonus (erhöhter Muskeltonus), der in einigen Fällen zu Muskelsteifheit und steifen Gelenken führen kann
  • Spontane Muskelaktivität in Form von unkontrollierbaren Muskelkrämpfen, die entweder isoliert oder als Folge schneller Muskelkontraktionen (genannt Klonus) auftreten können
  • Übertriebene Sehnenreflexe

Als Folge dieser Spastik-Symptome können auftreten:

  • Leichte (verspannte Muskeln) bis schwere Schmerzen (schmerzhafte Krämpfe in den Gliedmaßen)
  • Nächtliches Aufwachen durch Schmerzen auch aufgrund von Muskelkontraktionen und/oder durch Steifigkeit
  • Verschlechterung der Muskelfunktion, die das Gehen sowie alle anderen Arten von Bewegungen sowie das Sprechen beeinträchtigen kann

Eine Spastik ist auf einen erhöhten Muskeltonus zurückzuführen, der sich in einem Verlust der Muskelreaktion äußert. Dadurch können tägliche Aktivitäten zu einer großen Herausforderung werden und die Müdigkeit (Fatigue) der Betroffenen verstärkt werden. Doch auch funktionelle Störungen, wie eine veränderte Haltung oder Probleme bei Arm-/Beinbewegungen können auftreten [2,3]:

  • Probleme bei Arm- und Beinbewegungen: MS-Patienten mit einer Spastik leiden oft unter eingeschränkter Mobilität und Einschränkungen bei den Alltagsaktivitäten. Dies bedeutet häufig auch eine verminderte Lebensqualität und große Umstellungen im Alltag.
  • Fatigue/fehlende Energie: Über 90 % der MS-Patienten leiden unter Müdigkeit oder fehlender Energie. Eine Spastik kann die Fatigue auslösen oder verstärken, was erhebliche Auswirkungen auf das Arbeitsleben und die sozialen Kontakte der Patienten hat.
  • Blasenfunktionsstörung: Ein sehr häufiges Problem bei MS-Patienten sind Probleme mit der Blase. Dabei kann sowohl ein ständiger Harndrang, als auch eine „Starthemmung“ oder eine nicht vollständige Blasenentleerung auftreten.
  • Schlafstörungen: Durch die Muskelsteifheit und dadurch hervorgerufenen Schmerzen können viele MS-Patienten nicht durchschlafen. Dadurch wird die Fatigue ebenfalls verstärkt.
  • Krämpfe: Unter Krämpfen werden plötzliche, schmerzhafte Muskelkontraktionen verstanden, die den Schlaf stören und zu Müdigkeit am Tag führen können.

Eine Spastik kann das Gehen, Hinsetzen oder Aufstehen, Baden, Anziehen oder andere tägliche Aktivitäten erschweren. Außerdem berichten einige Patienten, dass unkontrollierbare Krämpfe oft zu unangenehmen Situationen führen. Deshalb sollte der Patient ganz offen mit seinem Umfeld über die Beschwerden sprechen (z. B. Familienmitglieder, Freunde, medizinisches Personal).

Nicht alle Patienten, die an Spastik leiden, haben auch Schmerzen. Schmerzen sind meistens auf Muskelsteifheit zurückzuführen, die längerfristig zu verkürzten Sehnen führt und das Beugen und Strecken der Gliedmaßen erschwert. Manche Menschen mit einer Spastik leiden hingegen unter starken, andauernden Schmerzen in den Gelenken.

Ursachen von Spastik bei MS

Die Zellen des Nervensystems heißen Neuronen. Diese empfangen Signale, die für unsere motorischen Fähigkeiten und Sinne benötigt werden, und leiten sie vom Gehirn ins Rückenmark weiter. Damit diese Signalübermittlung schnell und reibungslos ablaufen kann, werden die Neuronen von einer „Hülle“ geschützt, die aus einem Protein namens Myelin besteht. Diese Myelinschicht wird bei MS angegriffen und geschädigt. Dadurch können die Informationen nicht mehr korrekt übermittelt werden. Die präzise motorische Steuerung geht daraufhin allmählich verloren. Die gleichzeitige Kontraktion der Streck- und Beugemuskeln führt zu einer mangelnden Koordination, die oft schmerzhaft ist und den Patienten schwächt.

Wie häufig tritt eine Spastik bei MS auf?

Die Spastik ist ein weit verbreitetes Symptom bei Patienten mit Multipler Sklerose. Die meisten Betroffenen leiden darunter – jedoch in unterschiedlicher Intensität. Das bedeutet, dass die Spastik individuell sehr unterschiedlich auftreten kann. Sie kann nur eine Extremität oder alle betreffen, wobei die unteren Extremitäten wesentlich häufiger von Spastik betroffen sind als die oberen. Die Ausprägung kann von einzelnen anfallsweise auftretenden Wadenkrämpfen zu Beginn der Erkrankung bis hin zu beidseitiger Spastik im Laufe der Erkrankung reichen.

Die Intensität von Spastik-Symptomen kann von leicht (keine Beeinträchtigung des täglichen Lebens) bis schwer (starke Beeinträchtigung der Aktivitäten des täglichen Lebens) reichen.

Spastik – Diagnose und Überprüfung

Um das Fortschreiten der Spastik zu diagnostizieren und zu überprüfen, können verschiedene Tests durchgeführt werden. Sie alle bewerten die Muskelaktivität:

  • Analyse der Eigenschaften der willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen der Arme und Beine
  • Messung der Häufigkeit und Intensität spontaner Muskelaktivität (Krämpfe, Klonus)
  • Befragung des Patienten, des Angehörigen oder der Pflegekraft zum Gesamteindruck
  • Einschätzung der Fähigkeit des Patienten, bestimmte Aktivitäten durchzuführen (wie z. B. Gehen oder Körperpflege)
  • Einschätzung der allgemeinen Lebensqualität des Patienten

Um den Grad der Spastik klinisch richtig einzuschätzen, stehen neben dem umfassenden klinischen Befund Messskalen wie die Ashworth-Skala oder die Numerische Rang Skala (NRS) zur Verfügung. Mit der NRS schätzt der Patient seine Spastik selbst ein. Sie geht von 0 = keine Spastik bis 10 = schlimmste vorstellbare Spastik.

Wie kann eine Spastik behandelt werden?

Menschen mit MS und Spastik werden meistens von einem interdisziplinären Team behandelt. Dieses setzt sich aus Fachärzten und Pflegefachkräften, Psychologen, Logopäden und/oder Physiotherapeuten zusammen. Gemeinsam entscheiden sie über die beste Therapie.

Die Zielsetzungen bei der Behandlung der Spastik sind:

  • Mobilität: Der Spastik-Patient soll die betroffenen Gliedmaßen besser benutzen können und wieder in der Lage sein, seine Aktivitäten des täglichen Lebens auszuführen.
  • Wohlbefinden: Die im Zusammenhang mit Muskelsteifheit oder Krämpfen auftretenden Schmerzen und Beschwerden sollen verringert werden.
  • Körperpflege: Durch eine verbesserte Haltung soll eine selbstständige persönliche Hygiene erleichtert werden.
  • Lebensqualität: Die Lebensqualität soll erhalten bleiben oder sogar verbessert werden.

Um diese Ziele der Spastik-Behandlung zu erreichen, stehen unterschiedliche Therapiemöglichkeiten zur Verfügung:

1. Nicht-pharmakologische Behandlungen

a) Physiotherapie

Die Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung der Spastik-Symptome. Sie kann dabei helfen, Symptome zu lindern sowie zu verhindern, dass der Patient bei Bewegungen eine falsche Haltung einnimmt oder sich schlechte Angewohnheiten einschleichen, die die Spastik verschlimmern könnten. In manchen Fällen ist es nötig, dass der Patient seine Art zu gehen ändert oder ein Hilfsmittel benutzt, das ihm die Bewegung erleichtert. So kann einer weiteren Verschlechterung bzw. Einschränkung der Beweglichkeit vorgebeugt werden.

Bei leichter Spastik werden die Patienten in der Regel angewiesen, mit Stärkungs- und Dehnungsübungen für eine gute körperliche Verfassung zu sorgen. Bei mittelschwerer bis schwerer Spastik kann der Physiotherapeut Übungen und Körperhaltungen trainieren, die den Muskeltonus reduzieren. Auch Kältetherapie und Muskel-Mobilisierungstechniken können eingesetzt werden. Dehnungsübungen können aktiv (vom Patienten alleine) oder passiv (mithilfe einer anderen Person) durchgeführt werden, weshalb der Physiotherapeut des Öfteren auch den Betreuer des Spastik-Patienten mit einbezieht.

  • Die Hydrotherapie führt die Übungen im Wasser duch, was ebenfalls zur Entspannung der Muskeln von Spastik-Patienten beitragen kann. Manchmal erweist sich auch die Anwendung von Kühlpads oder ähnlichen Hilfsmitteln (Kryotherapie) als hilfreich. Auch Massagen können Muskelsteifheit reduzieren.
  • Ergotherapeuten arbeiten, wenn möglich, mit den Physiotherapeuten zusammen. Sie versuchen herauszufinden, inwiefern die körperlichen Symptome das tägliche Leben der Patienten beeinträchtigen. Sie wollen dabei helfen, die Selbstständigkeit der MS-Patienten beizubehalten, indem sie ihnen bestimmte Bewegungen beibringen, die ihre spastischen Symptome berücksichtigen. So stellen sie zum Beispiel fest, wie das Aufstehen und Hinsetzen des Patienten bzw. seine Bewegung zum und vom Stuhl weg durch die Spastik beeinträchtigt wird. Ein Ergotherapeut empfiehlt außerdem bestimmte Hilfsmittel, die dem Patienten bei der Durchführung von Bewegungen im Alltag helfen. Somit wird sichergestellt, dass Bett, Stuhl oder Rollstuhl des Patienten auf seine Bedürfnisse ausgerichtet sind.

b) Operation

Abhängig vom Patienten und dem Ausmaß seiner Krankheit kann eine Operation bei schweren Fällen von Spastik die letzte mögliche Alternative sein. Die orthopädische Chirurgie kann zum Einsatz kommen, wenn die Sehnen verlängert, Gelenke gesichert oder Fehlbildungen anderer Art korrigiert werden müssen. Eine operative Korrektur kann im Zusammenspiel mit der geeigneten Physiotherapie Entspannungsphasen verlängern, Schmerzen verringern und Wundliegen vermeiden.

c) Verschiedene orthopädische Orthesen

Orthesen, also orthopädische Hilfsmittel, sollen dafür sorgen, dass deformierte Gliedmaßen durch eine korrekte Haltung wieder benutzt werden können.

d) Alternative Behandlungsmethoden

Bei manchen Auswirkungen einer Spastik (z. B. bei bestimmten Schmerzen) können alternative Behandlungsmethoden wie Akupunktur oder Entspannungstechniken wie Yoga und Meditation helfen. Es fehlt jedoch an umfangreichen Studien, die deren Wirksamkeit belegen.

2. Medikamente zur Behandlung einer Spastik

Bei auftretender Spastik, die häufig auch mit starken Schmerzen verbunden ist, ist eine medikamentöse Therapie sinnvoll. Dafür stehen unterschiedliche Wirkstoffe zur Verfügung [4-7]:

  • Orale (oder in besonderen Fällen auch intrathekal (in den Liquorraum) verabreichte) Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin
  • Benzodiazepine wie Clonazepam (wird nur noch selten verwendet)
  • Zugelassene Cannabinoide wie eine fixe Kombination aus THC/CBD
  • Neurotoxine wie Botulinumtoxin, allerdings nur bei einer fokalen, also lokal begrenzten, Spastik

Wirkweise dieser Substanzen:

Baclofen imitiert die Wirkung eines speziellen körpereigenen Botenstoffs, der Gamma-Amino-Buttersäure (GABA), dem wichtigsten hemmenden Botenstoff im zentralen Nervensystem. GABA sorgt unter anderem für Schlaf und Muskelerschlaffung und unterdrückt Muskelkrämpfe. Baclofen erzeugt durch seine Imitation von GABA genau diese Effekte.

Tizanidin wirkt über ein anderes Schaltsystem, sein Hauptangriffspunkt liegt im Rückenmark. Hier vermindert der Wirkstoff die Freisetzung von Aminosäuren an den Nervenschaltstellen, so dass eine übermäßige Muskelanspannung (Muskeltonus) reduziert wird.

Clonazepam wirkt ebenfalls über das körpereigene GABA-System und bindet an den GABA-Rezeptor. Dadurch verstärkt es die Wirkung des natürlich vorhandenen hemmenden Botenstoff GABA und eignet sich somit als Krampflöser.

Zugelassene Cannabinoide wirken über ein anderes Rezeptorsystem, das körpereigene sogenannte Endocannabinoid-System. Sie koordinieren die Übertragung unterschiedlicher körpereigener Botenstoffe und regulieren somit insgesamt die Reizweiterleitung. Durch sie werden unter anderem Muskelkontraktionen reduziert und dadurch die Spastik gelindert.

Botulinumtoxin blockiert die Freisetzung des körpereigenen Botenstoffs Acetylcholin und führt so zu einer schlaffen Lähmung der Skelettmuskulatur. Der Wirkstoff wird lokal in den Muskel gespritzt. Die Effekte treten innerhalb einiger Tage ein und halten üblicherweise drei bis sechs Monate an.

Quellen

  1. Rizzo MA, Hadjimichael OC, Preiningerova J, Vollmer TL. Prevalence and treatment of spasticity reported by multiple sclerosis patients. Mult Scler 2004; 10:589-595
  2. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-verstehen/vom-symptom-zur-therapie/symptome/ (letzter Zugriff am 23.02.2020)
  3. US National Multiple Sclerosis Society http://www.nationalmssociety.org/Symptoms-Diagnosis/MS-Symptoms
  4. Rizzo MA, Hadjimichael OC, Preiningerova J, Vollmer TL. Prevalence and treatment of spasticity reported by multiple sclerosis patients. Mult Scler 2004; 10:589-595
  5. Markova J., Essner U., Akmaz B. et al. Sativex® as Add-on therapy Vs. further optimized first-line ANTispastics (SAVANT) in resistant multiple sclerosis spasticity: a double-blind, randomized, clinical trial. International Journal of Neuroscience 2018; 24:1-28
  6. Drs. M. Murie and E. Moral (2011): Espasticidad en Esclerosis Múltiple, ISBN: 978-84-15198-27-7, Luzán 5, S.A., Madrid, Spain.
  7. Platz T. et al. Therapie des spastischen Syndroms, S2k-Leitlinie, 2018, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. https://www.dgn.org/leitlinien (letzter Zugriff am 23.02.2020)
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