Multiple Sklerose: Diagnose

Multiple Sklerose: Die Diagnose braucht oft Zeit

Für eine MS-Diagnose gibt es nicht die eine Untersuchung und auch nicht den einen Test. Die Diagnose einer MS-Erkrankung setzt sich vielmehr aus den Ergebnissen verschiedener Tests und Untersuchungen zusammen.

Multiple Sklerose – die Diagnose braucht oft Zeit

Eine Multiple Sklerose kann sehr verschiedene neurologische Symptome zeigen. Das macht die Diagnose manchmal schwierig und langwierig. Denn: Viele dieser Symptome könnten auch durch andere Erkrankungen verursacht sein. Beispiele sind eine Borreliose, HIV oder Entzündungen im Gehirn durch Viren oder Bakterien.

Mediziner*innen sprechen deshalb von einer Ausschlussdiagnose: Erst wenn bestimmte Symptome zusammenkommen und andere Krankheiten ausgeschlossen sind, kann ein genaues Ergebnis gefunden werden. Eine MS-Diagnose kostet deshalb manchmal Zeit und Geduld. Aber: Eine frühe Diagnose ist wichtig, damit die geeignete Therapie eingeleitet wird. Das kann den Verlauf und die Prognose verbessern.

Diagnosekriterien

Auch wenn sich eine MS nicht mit einem eigenen, d. h. speziell für MS bestimmten Test feststellen lässt, haben Forschende und Mediziner*innen Kriterien entwickelt, nach denen sich eine MS-Diagnose recht zuverlässig eingrenzen lässt: die McDonald-Kriterien.

Nach den sogenannten McDonald-Kriterien müssen vorliegen:

  • Herde: Durch MS bedingte Störungen, die sich an verschiedenen Stellen des zentralen Nervensystems zeigen. Diese Herde (Läsionen) sind durch Entzündungen entstandene Narben – z. B. in Gehirn oder Rückenmark.
  • Schübe: Zu unterschiedlichen Zeitpunkten müssen Schübe auftreten.

Die McDonald-Kriterien definieren weiter:

  • Eine MS-Diagnose gilt etwa als gesichert, wenn mindestens zwei Schübe und zwei Herde im zentralen Nervensystem nachgewiesen werden können – und zwar zeitlich und räumlich getrennt.
  • Möglich ist auch, dass sich statt eines zweiten Schubs neue Herde in einem bildgebenden Verfahren wie dem MRT zeigen.

In manchen Fällen lässt sich auf dieser Grundlage eine MS-Diagnose schon nach einem ersten Schub stellen. Manchmal sind die Zeichen aber nicht spezifisch genug, sodass es eine Weile braucht, bis die MS-Diagnose feststeht .2

Klinische PräsentationLäsionenZusätzliche Parameter, die für eine MS-Diagnose gegeben sein müssen.
Schubförmige MS ("relapsing-remitting" RRMS)
1≥ 2 klinisch nachgewiesene Schübe≥ 2Keine
2≥ 2 klinisch nachgewiesene Schübe11Keine
3≥ 2 klinisch nachgewiesene Schübe1

Räumliche Dissemitation:

entweder ein klinisch nachgewiesener Schub einer zweiten, räumlich getrennten nachgewiesenen Läsion oder Nachweis der räumlichen Dissemitation im MRT
41 klinisch nachgewiesener Schub≥ 2

Räumliche Dissemitation:

entweder ein weiterer klinisch nachgewiesener
Schub
oder Nachweis der zeitlichen Dissemitation im
MRT
oder oligoklonale Banden im Liquor, die im Serum
nicht vorhanden sind
51 klinisch nachgewiesener Schub1

Räumliche UND zeitliche Dissemitation

Primär progrediente MS (PPMS)
6≥ 1 Jahr klinische Behinderungsprogression ohne SchübeZutreffen von mindestens zwei der folgenden drei
Punkte:
  • mindestens eine T2-Läsion periventrikulär,
    kortikal/juxtakortikal oder infratentoriell

  • mindestens 2 T2 Läsionen im spinalen MRT

  • Nachweis von oligoklonalen IgG-Banden im
    Liquor

Multiple Sklerose – Was sind die ersten Anzeichen?

Zu typischen ersten Symptomen (Frühsymptome) einer MS gehören u. a.:

  • Sehstörungen: Betroffene sehen nicht mehr scharf oder Doppelbilder.
  • Störungen der Motorik: Die Muskeln fühlen sich steif und schwer an, sind wie gelähmt.
  • Empfindungsstörungen: Die Haut kribbelt, fühlt Wärme und Kälte nicht gewohnt deutlich oder fühlt sich taub an.
  • Koordination (Störung des Gleichgewichts): Der Gang wirkt unsicher, die Balance ist unsicher, Stolperschritte werden häufiger.

Allerdings gilt auch hier: Die Symptome sind bei jedem Menschen verschieden.

Krämpfe in den Händen

Krämpfe in den Händen können, müssen aber kein Hinweis auf eine MS sein. Krämpfe in den Händen können unterschiedlichste Ursachen haben. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt wird den Grund für diese Beschwerden finden und eine geeignete Behandlung vorschlagen.

Kann man MS testen lassen?

Nein, denn den einen MS-Test, der eine zweifelsfreie Diagnose ermöglicht, gibt es nicht. Für eine MS-Diagnose sind verschiedene Untersuchungen nötig, deren Ergebnisse zusammengenommen zu einer ersten Diagnose führen (Ausschlussdiagnostik).

Diagnostische Verfahren

Zu den häufigsten Untersuchungen gehören:1

  • neurologische Untersuchungen
  • evozierte Potenziale (EP)
  • Magnetresonanztomografie (MRT)
  • Lumbalpunktion

MS-Diagnostik: Dies sind die Untersuchungen

Anamnese bei MS

Am Anfang jeder Untersuchung steht die Anamnese, d. h. Ihre Krankengeschichte, die Ihre Ärztin bzw. Ihr Arzt in einem längeren Gespräch in Erfahrung bringen möchte. Es werden Ihnen viele Fragen gestellt, die Sie ehrlich beantworten sollten. Meist geht es dabei um frühere oder bestehende Erkrankungen bei Ihnen oder in Ihrer Familie. Oder darum, wie sich Ihre Beschwerden zeigen, was Sie dagegen unternehmen und ob dies Linderung bringt. Jedes Puzzleteil ist wichtig, um die korrekte Diagnose zu finden.

Neurologische Untersuchungen

Wenn Sie für die MS typische Frühsymptome an sich entdecken und sich an eine Ärztin oder einen Arzt wenden, werden Sie in der Regel zunächst gründlich untersucht. Das ist dann die sogenannte neurologische Basisdiagnostik.

Dazu gehört z. B. die Untersuchung von:

  • Kraft und Motorik: Wie viel Kraft können Sie beim Händedrücken aufbauen? Drücken beide Hände gleich stark zu? Wie gut können Sie Ihre Feinmotorik steuern?
  • Koordination: Trifft der Finger die Nase? Können Sie auf einer Linie gehen?
  • Sensibilität: Wie spüren Sie Reize wie Hitze, Kälte, Piksen mit einer Nadel, Stumpfes oder Raues?
  • Reflexe: Alle Reflexe werden überprüft – auch darauf, ob sie auf beiden Körperseiten gleich ausgebildet sind.

Die Ergebnisse dieser gründlichen neurologischen Untersuchung können erste Hinweise auf eine MS-Diagnose geben.1, 3

Lumbalpunktion mit Liquorentnahme

Eine weitere wichtige Rolle für die MS-Diagnose spielt die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor), das Gehirn und Rückenmark umgibt.

Hintergrund: Nervenwasser ist die Flüssigkeit, die Hirn und Nerven umgibt. Durch ihre Nähe zu Gehirn und Rückenmark finden sich darin teils Zellen und Stoffe, die sich untersuchen lassen. Eine Liquorentnahme wird bei Verdacht auf MS aus dem Wirbelkanal vorgenommen. Die Untersuchung (siehe Abbildung) ist in der Regel schmerzlos.

Was ist bei MS im Liquor verändert?

Im Liquor sind bei bis zu 90 Prozent der MS-Erkrankungen Zellen und Stoffe verändert. Dazu gehören u.a.:

  • bestimmte Zellen der Immunabwehr
  • bestimmte Eiweiße (Proteine des Immunsystems)

Veränderte Werte deuten darauf hin, dass Teile des zentralen Nervensystems entzündet sind und der Körper eine starke Immunreaktion eingeleitet hat. Auch dafür wird parallel Blut abgenommen, denn der typische Befund bei der MS-Diagnose ist ein Missverhältnis: bestimmte Antikörper befinden sich nur im Nervenwasser, aber nicht im Blut.

Multiple Sklerose – Diagnose und Blutwerte

Den einen Blutwert oder den einen Test gibt es für die MS-Diagnose nicht. Gleichwohl können über Untersuchungen des Blutes andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Auch können Standardbluttests, beispielsweisedie Leber-, Nieren- oder Schilddrüsenwerte prüfen und Hinweise auf andere Erkrankung als MS geben. Das ist der Grund, warum vermutlich einige Blutabnahmen nötig werden.

Bildgebende Verfahren

Über bildgebende Verfahren lassen sich Herde erkennen. Das sind Narben, die durch die Entzündung entstanden und nun abgeheilt sind. Gut geeignet ist dafür die Magnetresonanztomografie (MRT).

Die Magnetresonanztomografie (MRT)

Diese Technik arbeitet mit einem starken Magnetfeld und Radiowellen – Röntgenstrahlen werden nicht gebraucht. Eine Belastung über möglicherweise schädigende Strahlen müssen Sie nicht fürchten. Ein MRT nimmt Bilder des Gehirns und Rückenmarks in Schichten auf (Schichtbilder). Mitarbeitende der Radiologie können in den Bildern kleinste Veränderungen erkennen.

Hintergrund: Die MRT-Bilder zeigen z. B. entzündete und/oder vernarbte Gewebebereiche im zentralen Nervensystem, die für eine MS typisch sind. Aber auch aktive Herde der Entzündung lassen sich erkennen.

Besonders im Frühstadium kann es sein, dass das Ergebnis einer MRT-Untersuchung nicht eindeutig ist. Deshalb sind andere Anzeichen und Befunde ebenfalls wichtig, um die MS-Diagnose zu stellen.1, 3

Spastik-Diagnose

Bis zu 80 Prozent aller MS-Erkrankten entwickeln eine Spastik. Ausführliche Informationen zur Diagnose einer Spastik finden Sie hier.

MS-Diagnose: evozierte Potentiale

Die Entzündungen oder Narben im Nervengewebe können dazu führen, dass die Weiterleitung der elektrischen Impulse gestört ist. Um die Entzündungen aufzuspüren, arbeitet die Neurologie mit sogenannten „evozierten Potentialen“ (EP). Diese Untersuchungstechnik überprüft, wie schnell und zielgerichtet die vom Hirn erzeugten elektrischen Impulse verarbeitet werden.

Hintergrund: Für die Untersuchung werden auf Ihrer Kopfhaut Elektroden aufgeklebt. Dann erhalten die Sinnesorgane Reize, z. B. die Augen oder Ohren. Diese visuellen oder akustischen Reize lösen eine Kette von Impulsen aus – und die misst eine EP.

Bei einer MS verhält es sich so: Sind Nervenbahnen angegriffen, werden die Impulse langsamer weitergeleitet.

„Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“

Afrikanische Weisheit

Häufige Fragen zur Diagnose bei MS

Wie kann ich feststellen, ob ich eine MS habe?

Wenn Sie neurologische Symptome an sich spüren, wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt – das kann zuerst die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie sich vielen Untersuchungen unterziehen müssen. Denn eine MS lässt sich (leider) nicht mit einem Test diagnostizieren, sondern es bedarf vieler verschiedener Verfahren, um die Diagnose MS zu sichern.

Was für Schmerzen hat man bei MS?

Schmerzen können dadurch entstehen, dass Nerven geschädigt oder entzündet sind. Das ist der sogenannte neuropathische Schmerz. Sie können aber auch infolge von Fehl- oder Schonhaltungen entstehen, die u. a. Rücken oder Beine überlasten. Das sind die sogenannten nozizeptiven Schmerzen.

Welche Blutwerte sind bei MS auffällig?

Blutwerte sind bei einer MS nicht auffällig. Dennoch werden Sie bei der Diagnostik Blutabnahmen erleben – etwa, um andere Erkrankungen auszuschließen oder um die Blutwerte mit dem Befund der Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) zu vergleichen.

Disclaimer

Diese allgemeinen Informationen haben nicht die Absicht, eine Erkrankung zu diagnostizieren oder medizinisches Fachpersonal zu ersetzen. Um die beste Beratung für Ihre Krankheit sowie Antworten auf Ihre medizinischen Fragen zu erhalten, sollten Sie einen Mediziner konsultieren. Nur ein Arzt kann Ihre Lage vollumfänglich und angemessen einschätzen und entscheiden, welche Behandlungen erforderlich sind.

Quellen:

  1. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. MS verstehen – Diagnostikhttps://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-verstehen/vom-symptom-zur-therapie/diagnostik/)
  2. Thompson, A. J. et al. (2018). Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. The Lancet Neurology, 17(2), 162-173. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(17)30470-2
  3. National Multiple Sklerosis Society. Symptoms & Diagnosis. https://www.nationalmssociety.org/Symptoms-Diagnosis

Letzter Zugriff auf Internetquellen 04.02.2022