Multiple Sklerose im Alter – Was ist zu beachten?

Multiple Sklerose im Alter

Multiple Sklerose im Alter: Zunehmend erreichen MS-Erkrankte in etwa ein Lebensalter wie Menschen, die nicht erkrankt sind. Für ältere Erkrankte stellen sich zwei Herausforderungen: Zum einen durchlaufen sie den normalen Alterungsprozess mit all seinen Einschränkungen, zum anderen kommt die MS hinzu. Welche Erkenntnisse zur MS im Alter vorliegen, lesen Sie im Folgenden.

In welchem Alter tritt MS auf?

Der Erkrankungsgipfel der MS liegt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Es werden jedoch auch MS-Diagnosen nach dieser Lebensspanne gestellt. Das liegt z. B. daran, dass die MS bereits da, aber noch nicht deutlich aktiv war. Das bedeutet: Die Symptome sind nicht so stark ausgeprägt, dass die Betroffenen zu einer Ärztin oder einem Arzt gegangen wären.

Was kann man tun?

Wenn Sie Ihre Lebensqualität bis ins hohe Alter halten möchten, gibt es ein paar Fragen, die Sie sich heute schon stellen können:

  • Wie kann eine Pflege im Alter aussehen?
  • Wie kann ich wohnen? Wie kann eine altersgerechte Wohnung aussehen?
  • Wie kann ich mich bewegen?
  • Wer kann mich unterstützen?

Die Beantwortung dieser Fragen kann auch Einiges an Angst nehmen, die Menschen manchmal vor dem Altern haben.

Kann man mit 50 noch MS bekommen?

Dass eine MS sich zum ersten Mal in einem Alter nach 50 Jahren zeigt, ist selten, kommt aber vor. Dies konnte durch bildgebende Verfahren wie u. a. die Magnetresonanztomografie (MRT), die Einsichten in das zentrale Nervensystem (ZNS = Gehirn und Rückenmark) zulassen, gezeigt werden. Auch hängt die Form der MS manchmal mit dem Alter zusammen, in dem die Erkrankung das erste Mal auftritt.1,2

MS-Diagnose im Alter

Im Alter entwickeln Menschen zunehmend Beschwerden – von Rückenschmerzen über Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zu Diabetes. Auch die Aufmerksamkeit und das Denkvermögen ist manchmal eingeschränkter. Mit fortschreitendem Alter ist naturgemäß ebenfalls das Risiko erhöht, körperliche Einschränkungen zu entwickeln, z. B. beim Sehen, Hören oder in der Beweglichkeit. Das gehört zum normalen Alterungsprozess.

Anders gesagt: Als Mensch mit MS muss man sehr genau hinschauen und mögliche MS-bedingte Beschwerden  im Alter von anderen rein altersbedingten Einschränkungen abgrenzen.

Dabei helfen heutige Verfahren zur Bildgebung nur bedingt – nicht immer lässt sich ein im MRT sichtbarer Defekt im Hirn klar einer MS zuweisen. Veränderungen im Gehirn, die z. B. Durchblutungsstörungen verursacht haben, sehen in den MRT-Bildern sehr ähnlich aus. In diesem Zusammenhang arbeitet die Forschung daran, Regeln für die Diagnosen aufzustellen.4

MS im Alter: Verschobene Geschlechterverteilung

Im höheren Alter erkranken mehr Männer als Frauen – das ist bei jungen Menschen umgekehrt. Zudem zeigen die älteren Menschen oft eine primär progrediente Form der MS.

Wie oft tritt eine MS im Alter auf?

Bei 5 bis 10 Prozent der MS-Erkrankten tritt die MS im höheren Lebensalter erstmalig auf („late-onset“-MS, LOMS; Alter bei erstem Auftreten > 50 Jahre).1 Erste Untersuchungen weisen auch darauf hin, dass diese Zahlen womöglich steigen werden.

Zudem leben heute MS-Erkrankte deutlich länger als noch vor einigen Jahren – sie können durchaus ein „normales“ Lebensalter erreichen. Infolgedessen wird dadurch auch die Zahl älterer Menschen mit MS im Alter steigen.4

MS im Alter von 50

In der Altersgruppe von etwa 50 bis 60 Jahren sinkt langsam die Aktivität des Immunsystems (Immunseneszenz). Auch das ist Teil des ganz normalen biologischen Alterungsprozesses. Das ist z. B. ein Grund, warum ältere Menschen leichter Infektionen ausbilden.

Es stellt sich die Frage, ob sich die sinkende Aktivität des Immunsystems im Alter positiv auf das Fortschreiten der Krankheit auswirkt. Diese könnte möglicherweise durch das „schläfrige“ Immunsystem ausgebremst werden. Forschende können auf diese Frage bislang jedoch keine sichere Antwort geben.

Kommt MS im Alter zum Stillstand?

Manchmal verliert die MS im Alter über 60 an Kraft. Dann werden Schübe seltener, im MRT zeigen sich seltener aktive Herde. Allerdings heißt das nicht automatisch, dass man eine verlaufsmodulierende Therapie bei MS im Alter beenden kann oder sollte – vor allem dann nicht, wenn die MS bereits sekundär fortschreitet oder in jüngeren Jahren hochaktiv war. Denn dann könnte sie wieder aufflammen.3

MS im Alter von 60: Therapie ausbalancieren

Im Alter entwickeln die meisten Menschen eine oder mehrere Erkrankungen (Komorbiditäten), die die vielen Lebensjahre mit sich bringen – z. B. eine eingeschränkte Beweglichkeit, Herz- Kreislauf-Erkrankungen, eine schwache Niere oder Leber, auch Krebserkrankungen und Diabetes.

Dann ist ein genauer Blick auf die Therapie nötig, damit sich die verschiedenen Medikamente bei MS im Alter nicht gegenseitig negativ beeinflussen. Selten finden sich Menschen, die im Alter von über 50 eine MS erst neu entwickeln – möglich ist das aber auch. Diese Erkenntnis entstand in den vergangenen Jahren, als sich über bildgebende Verfahren wie MRTs Ersterkrankungen der MS im hohen Alter nachweisen ließen.2,4

MS im Alter: Therapie gut abwägen

Bei älteren MS-Erkrankten sind MS-Medikamente manchmal nicht so wirksam wie bei jüngeren Menschen. Sprechen Sie gegebenenfalls mit Ihrem Behandlungsteam und suchen Sie sich eine Klinik, im Umgang mit MS-Erkrankten im Alter erfahren ist.

Es liegen viele Untersuchungen zur Wirksamkeit von Medikamenten für junge Menschen vor. Für Menschen über 55 Jahren gibt es bisher allerdings kaum Daten.

Beobachtungen weisen darauf hin:

  • Immuntherapien wirken bei jüngeren MS-Erkrankten (< 40 Jahre) stärker als bei älteren.
  • Aber auch Ältere profitieren von einer Immuntherapie. Es konnte gezeigt werden, dass die Behinderungen nicht so stark zunahmen.
  • Beobachten ließ sich gleichzeitig auch: Beenden Ältere die Immuntherapie, treten nur selten Schübe auf.

Welche Therapie wann einsetzen kann, sollten Betroffene mit einer MS im Alter intensiv mit ihrem Behandlungsteam besprechen.4

MS im Alter: Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen

Sollten Sie eine MS haben und über 50 bis 60 Jahre alt sein, ist es ratsam, dass Sie an den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Damit sich begleitende Erkrankungen früh erkennen lassen.

MS-Verlauf nach 10 Jahren

Sicher sagen lässt sich nicht, wie eine MS verlaufen wird. Neuere Zahlen weisen aber darauf hin, dass die Prognose einer MS deutlich besser ist als noch vor einigen Jahren. Zum Beispiel lässt sich aus neueren Daten ableiten, dass die körperlichen Behinderungen nicht so rasch voranschreiten wie vormals angenommen.4

Demenz bei MS

Im Verlauf der MS können u. a. auch Funktionen der Kognitionwie z. B. Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder etwa die Konzentration eingeschränkt sein. Das berichten etwa zwei Drittel der MS-Erkrankten. Der Grund sind die entzündeten oder geschädigten Nerven, die Informationen nicht mehr fehlerfrei übertragen können. Welche Fähigkeiten eingeschränkt sind, ist abhängig davon, welche Areale im Gehirn betroffen sind. Auch einige Medikamente oder ein Schub können diese Symptome verursachen.

Und: Auch wenn sich die Symptome einer Demenz und einer kognitiven Einschränkung bei MS im Alter auf den ersten Blick vielleicht ähneln, sind es doch zwei verschiedene Dinge.

Neuropsycholog*innen können beides voneinander abgrenzen. Sie können über Untersuchungen (z. B. verschiedene standardisierte – validierte – Tests) den Grund für das schwache Gedächtnis, die vielleicht schlechte Konzentration oder das langsame Denken finden.4,5

MS-Gedächtnisverlust

Etwa zwei Drittel der MS-Erkrankten erfahren im Verlauf der Krankheit Einbußen im Bereich Gedächtnis. Das Symptom kann recht früh auftreten. Grund ist auch hier, dass Hirnareale entzündet sind, in denen beispielsweise das Gedächtnis seinen Platz im Gehirn hat. Treten diese Einschränkungen innerhalb eines Schubs auf, können sie sich bei Abklingen wieder zurückbilden.6

Häufige Fragen zu Alter und MS

Haben Ernährungsfaktoren einen Einfluss auf die MS?

Eine ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit allen Nährstoffen und auch der Energie, die ein Organismus braucht. Dies gilt in gleichem Maße für Menschen mit MS wie ohne MS.

Wie alt wird man mit MS?

Durch bessere Möglichkeiten der Behandlung hat sich die Lebenserwartung und auch die Lebensqualität bei MS in den vergangenen Jahren erhöht. Viele Forschende erwarten daher, dass sich die Lebenserwartung zwischen Erkrankten und Nichterkrankten im Verlauf der Zeit angleichen wird.7,8

Woran sterben MS-Kranke?

MS-Erkrankte sterben selten an der MS selbst. Allerdings sind sie anfälliger für Komplikationen – beispielsweise, wenn durch Schluckstörungen eine Lungenentzündung oder Infektionen auftreten.

Neuere Beobachtungen zeigen auch, dass die häufigsten Todesursachen bei MS-Erkrankten denen von Nichterkrankten ähnlich sind. Das sind etwa Herz- Kreislauf-Erkrankungen oder bösartige Tumore.9,10

In welchem Alter tritt MS am häufigsten auf?

Die ersten Symptome zeigen sich oft im Alter zwischen 20 bis 40 Jahren. Aber auch Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen können eine MS entwickeln. Das ist jedoch eher selten.1

„Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

(Dietrich Bonhoeffer)

Disclaimer

Diese allgemeinen Informationen haben nicht die Absicht, eine Erkrankung zu diagnostizieren oder medizinisches Fachpersonal zu ersetzen. Um die beste Beratung für Ihre Krankheit sowie Antworten auf Ihre medizinischen Fragen zu erhalten, sollten Sie einen Mediziner konsultieren. Nur ein Arzt kann Ihre Lage vollumfänglich und angemessen einschätzen und entscheiden, welche Behandlungen erforderlich sind.

Quellen:

  1. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. FAQ – In welchem Alter erkrankt man? https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/faq/in-welchem-alter-erkrankt-man/
  2. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Multiple Sklerose über 60 – verlaufsmodifizierende Therapie bei älteren MS-Erkrankten. Prof. Dr. med. Judith Haas, Vorsitzende des DMSG-Bundesverbandes und Ärztliche Leiterin im Zentrum für Multiple Sklerose, Jüdisches Krankenhaus Berlin, https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/dmsg-aktuell/multiple-sklerose-ueber-60-verlaufsmodifizierende-therapien-bei-aelteren-ms-erkrankten/
  3. Müller, T. Schübe oder progredienter MS-Verlauf – Macht das Alter den Unterschied? https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Macht-das-Alter-den-Unterschied-240718.html
  4. Hemmer B. et al., Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2021, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. www.dgn.org/leitlinien
  5. MS International Federation. Aging with MS. (2015). https://momentummagazineonline.com/aging-with-ms/#:~:text=People%20with%20MS%20are%20reaching%20disability%20milestones%20later,between%20aging%20and%20MS%20can%20easily%20become%20blurred.
  6. Führ, H. „Hilfe, ich vergesse so viel!“ Kognitive Störungen bei Multipler Sklerose. Blickpunkt 2019/2.
  7. Gerste, RD. Multiple Sklerose: Langzeitstudie über 60 Jahre: Die durchschnittliche Überlebenszeit ist angestiegen. Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1176 / B-989 / C-985
  8. Fath, R. Multiple Sklerose: Hohe Lebensqualität erreichbar. Dtsch Arztebl 2019; 116(45): A-2088
  9. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/faq/stirbt-man-an-ms/
  10. Lunde HMB, Assmus J, Myhr KM, et al.: Survival and cause of death in multiple sclerosis: a 60-year longitudinal population study. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2017; 88: 621–5

Letzter Zugriff auf Internetquellen 04.02.2021