Therapie bei Multipler Sklerose

Therapie bei Multipler Sklerose

Die Therapie und Behandlung der Multiplen Sklerose hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Die Forschung erzielte viele neue Erkenntnisse darüber, was im Detail bei einer MS-Erkrankung im zentralen Nervensystem (ZNS) passiert. Auf dieser Basis ließen sich neue Medikamente entwickeln, die die Behandlung wirksamer und besser verträglich machen. Zudem können sie verhindern, dass die Multiple Sklerose zu schnell voranschreitet.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei MS?

Grundsätzlich wird zwischen der Therapie akuter Schübe und einer Therapie zur Beeinflussung des Krankheitsverlaufs der Multiplen Sklerose unterschieden.

Die MS-Therapie basiert daher auf drei Behandlungsformen:

  • Behandlung des akuten Schubs
  • langfristige verlaufsmodifizierende Therapie
  • Therapie der Symptome einer MS

Möglichst früh beginnen mit der Therapie der MS

Um eine MS-Behandlung so erfolgreich wie möglich durchzuführen, ist eine früh einsetzende Therapie wichtig. Dann besteht die begründete Aussicht, dass die im Verlauf der MS langsam fortschreitende Behinderung deutlich verlangsamt werden kann.4

Eine Multiple Sklerose entwickelt sich oft in zwei Phasen5:

  • In der frühen Phase ist die Entzündungsaktivität hoch (viele Schübe, viele neue Herde).
  • In der späteren Phase zeigen sich die neurodegenerativen Veränderungen. Das heißt, der Verlust von gesundem Nervengewebe führt langsam zu mehr Einschränkungen.

Vor allem die Immuntherapie bei MS zielt darauf ab, die Entzündungsaktivität zu verringern. Es ist daher sinnvoll, in der frühen Phase der MS-Erkrankung mit der Therapie zu beginnen.

MS-Therapie: Was ist eine Schubtherapie?

Um einen akuten Schub zu behandeln, setzt die MS-Therapie hochdosiert Kortison ein, meist über mehrere Tage.1

Hintergrund: Kortison ist ein sogenanntes Glukokortikoid. Kortison ist eigentlich ein körpereigenes Hormon, das die Nebennierenrinden bilden. Diese Stoffe bremsen Entzündungen im Körper, indem sie z. B. entzündungsfördernde Botenstoffe hemmen. Kortison hält T-Zellen (Zellen der Immunabwehr) davon ab, im Nervensystem Zytokine freizusetzen – das sind Stoffe, die Entzündungen fördern.

Schubtherapie: Kortisongabe als Stoßtherapie

Die Schubtherapie mit hohen Dosen Kortison heißt auch Kortison-Stoßtherapie oder Pulstherapie. Meist erhalten die Betroffenen an drei bis fünf aufeinander folgenden Tagen Infusionen mit Kortison in die Vene, also direkt in das Blut. Danach gilt die Stoßtherapie zunächst als abgeschlossen.

Wer schon einmal längerfristig Kortison eingenommen hat, musste das Präparat und die Dosierung vermutlich langsam reduzieren (ausschleichen). Das ist bei einer hochdosierten MS-Therapie nicht nötig.

Unter der Kortison-Pulstherapie bilden sich die Symptome des Schubs oft zügig zurück – meist innerhalb von zwei Wochen. Ist die Wirkung der ersten Schubtherapie nicht ausreichend, folgt eventuell eine weitere – manchmal mit höherer Dosierung als die erste.

Schubtherapie: Plasmapherese

Kann eine zweite Schubtherapie die Symptome nicht deutlich verbessern, gibt es noch die Möglichkeit, eine Plasmaspherese und Immunadsorption durchzuführen. Das sind in der MS-Therapie Verfahren der Blutwäsche. Die Behandlung erfolgt meist in der Klinik.

Hintergrund: Bei der Blutwäsche wird das Blut über ein maschinelles System (ähnlich wie bei der Nierendialyse) von Stoffen gereinigt, die die Entzündung antreiben, z. B. Antikörper oder verschiedene Eiweiße.2

Verlaufsmodifizierende Therapie der MS

Auch wenn eine MS heute noch nicht heilbar ist, so hat die Zahl der Therapieoptionen in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Weitere neue Medikamente für die MS-Therapie sind in der Entwicklung.

Das Ziel einer verlaufsmodifizierenden MS-Therapie ist, Häufigkeit und Schwere der Schübe zu mindern, so den Verlauf zu verlangsamen und MS-typische Störungen so lang es geht zu verzögern.

Da sich das Immunsystem bei einer MS gegen den eigenen Körper richtet, wirken viele der Medikamente in der MS-Therapie darüber, dass sie in das Immunsystem eingreifen. Sie sollen seine überschießenden Reaktionen beeinflussen.

Medikamente während einer MS-Therapie

Heute lassen sich in der MS-Therapie zwei große Wirkstoffgruppen unterscheiden:

  • Immunsuppressive Medikamente: Immunmodulierende Medikamente: Diese Substanzen versuchen, die Akteure im Immunsystem wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Deshalb schwächen sie das Immunsystem nicht wie es immunsuppressive Medikamente tun.3
  • Immunmodulierende Medikamente: Trifft der Finger die Nase? Können Sie auf einer Linie gehen?

Welche Behandlungsformen sind für Sie geeignet?

Da eine MS verschiedene Verläufe nehmen kann, lässt sich ein allgemeines Vorgehen bei der MS-Behandlung nicht formulieren. Ihr Behandlungsteam wird Sie hierzu ausführlich beraten. Welche Therapieform für Sie passend sein kann, ist abhängig davon, ob Sie an einer milden/moderaten oder einer hochaktiven Verlaufsform der MS erkrankt sind.

Es gibt unterschiedliche Medikamente, die zur Behandlung der milden bzw. moderaten Verlaufsform eingesetzt werden. Alle Wirkstoffe unterscheiden sich in Wirkung, Dosierung und Darreichungsform. Wenn diese Behandlungsform bei einer milden bzw. moderaten Verlaufsform nicht den erhofften Erfolg zeigt oder wenn Ihre Krankheitsaktivität von Beginn an sehr hoch ist, wird empfohlen, frühzeitig auf eine Therapie für die hochaktive Verlaufsform umzustellen. Mediziner sprechen hier auch von Therapieoptimierung.

MS-Behandlungsmöglichkeiten: Sprechen Sie mit Ihrem Team!

Sollten bei Ihnen Nebenwirkungen auftreten, sollte sich Ihre Lebenssituation ändern oder sollten Sie den Eindruck haben, die aktuelle MS-Therapie bringt keinen ausreichenden Erfolg, sprechen Sie Ihr Behandlungsteam darauf an. Zögern Sie nicht!

Oft gibt es Möglichkeiten, bei Beschwerden oder Wünschen auf andere Präparate auszuweichen. Das gilt auch beispielsweise dann, wenn Sie eine Schwangerschaft planen oder auf eine lange Reise gehen möchten.

Symptomatische Therapie bei MS6

Sehstörungen, Müdigkeit, Spastiken, gestörter Schlaf oder auch Blasenschwäche können den Alltag MS-Betroffener beeinträchtigen. Häufig ist es möglich, die Beschwerden mit Medikamenten zu lindern. Viele andere Maßnahmen haben Sie jedoch selbst in der Hand: Ihre Tagesstruktur anders gestalten, Sport oder Freizeitaktivitäten nachgehen, für ausgewogenes Essen und Trinken sorgen und vieles mehr.

Und: Lassen Sie sich nie erzählen, Ihre Symptome gehörten in den Dunstkreis der Psychosomatik, da entstehe vieles im Kopf. Eine MS zerstört Nervengewebe und die Symptome sind eine Folge der Erkrankung – und nicht der Psyche.

Ataxie und Tremor

Um eine Ataxie oder einen Tremor zu behandeln, sind Physio- und Ergotherapie die Mittel der Wahl. Medikamente helfen eher selten. Das Ziel ist: Muskuläre Spannungen lösen, Haltung stabilisieren und Bewegung besser koordinieren.

Hintergrund: Bei einer Ataxie ist das Zusammenspiel der Muskeln gestört. Tremor bedeutet Muskelzittern.

Fatigue

Auch bei der Fatigue, dieser bleiernen Müdigkeit, helfen vor allem nicht medikamentöse Maßnahmen. Es geht darum, den Tag gut zu planen, Aktivität und Ruhe gleichmäßig zu dosieren. Ausdauer- oder Kraftsport wirken auch gut auf die Leistungsfähigkeit. Da Wärme oft Auslöser für eine Fatigue ist, helfen eine kühle Umgebung und leichte Kleidung. Auch eine längere Rehabilitation kann Sie stärken.

Sehstörungen

Oft treten Sehstörungen während eines Schubs auf und sie werden gemäß der Richtlinien der MS-Therapie wie ein Schub behandelt.

Störungen des Darms

Störungen des Darms zeigen sich über Verstopfung oder Inkontinenz. Abhängig von der Störung eignen sich nicht medikamentöse Maßnahmen – z. B. den Speiseplan geschickt gestalten und etwa blähende oder stopfende Speisen meiden. Medikamentös gibt es verschiedene Substanzen, die regulierend auf die Darmtätigkeit wirken.

Störungen der Blase

Störungen der Blase können sich zeigen über:

  • eine überaktive Blase mit häufigem Harndrang
  • eine verzögerte Blasenentleerung
  • eine Mischung aus beiden Mechanismen

Betroffene können darauf achten, dass sie z. B. regelmäßig trinken, vorbeugend die Toilette aufsuchen und den Beckenboden trainieren. Häufig werden Blasenstörungen jedoch auch mit Medikamenten behandelt.

Kognitive Störungen

Kognition ist all das, was uns Menschen ausmacht: Aufmerksamkeit und Gedächtnis, wichtig für unser planendes und strukturiertes Handeln, unsere Denk- und Urteilsfähigkeit. Ist die Kognition durch die MS beeinträchtigt, lässt sie sich über ein zielgerichtetes neuropsychologisches Funktionstraining behandeln.

Zu diesem Training gehören u. a.:

  • Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungstherapien
  • lernen, Einschränkungen zu kompensieren
  • Umgang mit Hilfsmitteln

Sprechstörungen

Sprechstörungen entstehen, wenn die zum Sprechen nötigen Muskeln nicht mehr gut koordiniert werden können. Sie treten meist erst im späteren Verlauf der MS auf.

Eine logopädische Behandlung zeigt Betroffenen, wie sie ihre Sprechgeschwindigkeit und Stimmlage so korrigieren können, dass das Sprechen flüssiger wird. Auch wie etwa eine gute Körperhaltung oder das Bilden kurzer Sätze das Kommunizieren wieder ermöglichen kann, wird erklärt und trainiert. Eine medikamentöse Therapie gibt es zurzeit nicht.6

„Schöne Worte sind nicht immer wahr. Wahre Worte sind nicht immer schön.“

(Laotse)

Häufige Fragen zu Symptomen bei MS

MS-Therapie: ja oder nein?

Viele Menschen, die gerade die Diagnose MS erhalten haben, denken darüber nach, ob es überhaupt Sinn macht, gleich mit einer Therapie zu beginnen. Vor allem, wenn man nach seinem ersten Schub eigentlich keine Beschwerden mehr spürt … Dass Sie diese Gedanken haben, ist nachvollziehbar. Und doch empfehlen die Experten, z. B. in den „Leitlinien zur Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose“ den frühzeitigen Therapiebeginn.4 Die Begründung: Eine frühe Therapie verringert die Entzündungsaktivität im Gehirn. Und mindert dadurch das Risiko von MS-bedingten Beeinträchtigungen.

Wie wirken Medikamente bei MS?

Die Multiple Sklerose gehört zu den Autoimmunerkrankungen – das Immunsystem richtet seine Aktivität gegen eigene Körperzellen. Die in der MS-Behandlung eingesetzten Medikamente zielen darauf ab, das Immunsystem wieder auszugleichen und in Balance zu bringen. Damit sollen Schübe, also akute Entzündungen im zentralen Nervensystem, seltener und/oder nicht so stark ausgeprägt werden.

Wie kann man MS heilen?

Nach heutigem Wissen kann man eine MS nicht heilen. MS ist eine chronische Erkrankung, die sich mittlerweile gut behandeln lässt. Gerade in den vergangenen Jahren sind viele neue Medikamente für die MS-Therapie zugelassen worden. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Lebenserwartung eines MS-Erkrankten heute fast so hoch ist wie die eines Nicht-MS-Kranken.7

Wie läuft eine MS-Therapie bei Kindern ab?

Selten bilden Kinder und Jugendliche eine MS aus. Die MS-Behandlung für Kinder fußt auf den gleichen Prinzipien wie bei Erwachsenen – die Dosierungen der Wirkstoffe werden allerdings angepasst.8

Welche Lebenserwartung habe ich bei MS?

Die Lebenserwartung bei Menschen mit MS ist ähnlich hoch wie die bei gesunden Menschen.9

Disclaimer

Diese allgemeinen Informationen haben nicht die Absicht, eine Erkrankung zu diagnostizieren oder medizinisches Fachpersonal zu ersetzen. Um die beste Beratung für Ihre Krankheit sowie Antworten auf Ihre medizinischen Fragen zu erhalten, sollten Sie einen Mediziner konsultieren. Nur ein Arzt kann Ihre Lage vollumfänglich und angemessen einschätzen und entscheiden, welche Behandlungen erforderlich sind.

Quellen:

  1. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Multiple Sklerose: Forscher lösen ein Rätsel der Blut-Hirn-Schranke. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/multiple-sklerose-forscher-loesen-ein-raetsel-der-blut-hirn-schranke/
  2. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Die Plasmapherese (PE, Blutwäsche). https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-behandeln/schubtherapie/die-plasmapherese-pe-blutwaesche/
  3. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Was ist eine verlaufsmodifizierende Immuntherapie?. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-behandeln/verlaufsmodifizierende-therapie/
  4. Hemmer B. et al., Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum- Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2021, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. www.dgn.org/leitlinien
  5. Amsel. Verlaufsmodifizierende Therapie. https://www.amsel.de/multiple-sklerose/behandeln/verlaufsmodifizierende-ms-therapie/
  6. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Symptomatische Therapie. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-behandeln/symptomatische-therapie/
  7. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Multiple Sklerose: Die Lebenserwartung steigt. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/news-article/News/detail/multiple-sklerose-die-lebenserwartung-steigt/news-pagination/5/?cHash=96abc0f0a71bf4abd64d9f34f16f572d&L=0
  8. Kinder- und Jugendärzte im Netz. Multiple Sklerose. https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/multiple-sklerose/
  9. https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/neurologische-erkrankungen/die-wichtigsten-fragen-zu-multipler-sklerose-719445.html

Letzter Zugriff auf Internetquellen 04.02.2022