Diagnose der Spastik bei Multipler Sklerose

Diagnose der Spastik bei MS

Die Diagnose Spastik bei Menschen mit Multipler Sklerose zu stellen, ist nicht immer einfach – obwohl Spastik ein häufiges Symptom der MS ist. Spastiken entstehen, weil die Übertragung bestimmter Signale von den Nerven auf die Muskeln gestört ist, wie auch bei MS. Woran Sie selbst und Ihre Ärzt:innen eine Spastik erkennen können oder ob es einen Spastik-Test gibt, soll hier für Sie geklärt werden.

Diagnose Spastik: Gut beobachten, schnell reagieren

Die Spastik ist ein häufiges Symptom bei MS. Leider wird dieses Symptom der MS oft erst spät erkannt – nicht nur von Ärzt:innen, sondern auch von den Patient:innen selbst. Es ist daher umso wichtiger, dass Sie die möglichen Symptome, Erscheinungen und auch Folgen einer Spastik kennen.

Denn: Eine frühe Diagnose und die Kenntnis der verstärkenden Faktoren ermöglichen es, effektive Behandlungs- und Bewältigungsstrategien einzuleiten.

MS-Spastik – ein Steckbrief

Was macht eine Spastik aus?1

  • Sie kann dauerhaft (tonisch) oder einschießend (intermittierend/phasisch) sein.
  • Sie kann auf einer Körperseite (Hemispastik) oder auf beiden Körperseiten (Paraspastik, Tetraspastik) auftreten.
  • Sie kann sich im Tagesverlauf ändern – unabhängig davon, was Sie gerade tun.
  • Einschießende Spastiken treten oft nachts auf und schmerzen heftig.
  • Die hohe Muskelspannung ermüdet die Muskeln – das macht sich in der Ausdauer bemerkbar.
  • Zudem sind die Muskelreflexe bei Betroffenen deutlich erhöht. Meistens sind ganze Muskelgruppen betroffen.

Wie kann ich selbst eine Spastik erkennen?

Am häufigsten bilden sich Spastiken in den Muskeln der Beine, etwas seltener in denen der Arme und des Rumpfes.

Eine Spastik in den Beinen oder im Fuß kann manchmal so aussehen:

Sie selbst können eine Spastik erkennen, wenn Sie bemerken, dass:

  • Ihnen das Gehen schwerfällt oder Sie auffallend schnell erschöpft sind,
  • Ihre Muskeln häufiger verhärtet sind oder verkrampfen,
  • die Kraft einzelner Muskeln schwächer ist,
  • Ihre „Geschicklichkeit“ im Alltag nachlässt,
  • Sie sich morgens nicht erholt fühlen.

Zögern Sie nicht, solche Beschwerden Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt oder dem Behandlungsteam gegenüber zu äußern. Nur eine genaue Diagnostik kann zeigen, ob eine Spastik vorliegt. Und nur dann kann die Therapie früh beginnen. Eine Therapie sollte möglichst früh einsetzen, weil sich darüber Spätfolgen mindern lassen.

Spastik-Symptome und ihre Folgen4,5

Menschen mit MS, die eine Spastik entwickeln, haben oft folgende Symptome:

  • Steife Muskeln: Die Muskeln sind nicht so elastisch wie sonst und lassen sich nicht mehr gut kontrollieren. Sie schmerzen mitunter, wie ein Muskel nach zu viel Sport.
  • Spontane Muskelaktivität: Der Fuß wippt, Muskeln an den Gliedmaßen zucken, ohne dass die Bewegung willentlich zu kontrollieren wäre. Diese Krämpfe können wie ein kurzer Impuls oder als Abfolge von Muskelzucken erscheinen.
  • Sehr starke Reflexe: Vor allem an den Sehnen kann es sein, dass Reflexe überschießend ausfallen.

Was können die Folgen einer Spastik sein?

Als Folge dieser Spastizität können auftreten:

  • Leicht bis schwer verspannte Muskeln: vergleichbar mit einem Muskelkater.
  • Schmerzen: Sie entstehen wegen der Muskelkrämpfe oder wegen der steifen Muskeln.
  • Schlecht bewegliche Muskeln: Steht die Skelettmuskulatur dauerhaft unter Anspannung, kann das Ihre Beweglichkeit einschränken. Auf Dauer verkürzen sich in dieser Haltung auch Muskeln und Sehnen, was zu Fehlhaltungen führen kann.
  • Vor allem der durch häufiger auftretende Spastiken gestörte Nachtschlaf kann Ursache einer Fatigue sein.
  • Auch MS-Symptome wie Blasenstörungen oder Schlafstörungen lassen sich oft auf eine Spastik zurückführen.

Anamnese MS: Was sind Ihre typischen Beschwerden?

Wichtige Informationen, um die Diagnose Spastik stellen zu können,liefern die Patient*innen selbst. Nur sie können die Beschwerden genau beschreiben. Daraus lassen sich Erkenntnisse ableiten und eine geeignete Therapie finden.

Richten Sie sich für Ihr Gespräch mit Ihrer Ärztin bzw. Ihrem Arzt auf Fragen ein wie:

  • Wann tritt die Spastik auf – zu welcher Tageszeit?
  • Ist sie immer gleich stark oder verändert sie sich über den Tag?
  • In welchen Situationen nimmt sie ab oder zu?
  • Steigt sie langsam an oder schießt sie ein?
  • Ist sie mit Schmerzen verbunden?
  • Treten zusammen mit der Spastik weitere Symptome wie Störungen der Sensibilität, Muskelschwäche oder Lähmungen auf?
  • Können Sie beschwerdefrei Wasser lassen?
  • Tragen Sie Orthesen (Hilfsmittel)?
  • Welche Einschränkungen haben Sie und welche stören Sie am meisten?6

Diagnose Spastik: Spüren Sie genau hin

Eine Spastik zweifelsfrei zu erkennen, ist oft nicht ganz einfach. Wenn ab und zu der Fuß wippt, der Unterschenkel einen leichten Krampf hat oder es in der Hand zieht, denken die wenigsten direkt an eine Spastik.

Als Mensch mit MS sollten Sie jedoch immer genau hinspüren, wenn Sie solche Anzeichen an sich entdecken. Denn der frühe Einsatz einer entsprechenden Therapie kann dazu beitragen, dass die Spastik Ihren Alltag weniger stark beeinträchtigt.

Spastik-Test: Spastik erkennen und bestimmen

Ist der Grund für den Krampf oder den wippenden Fuß nun eine Spastik? Ihr Behandlungsteam wird sich mit Ihnen auf Spurensuche begeben. Liegt die Diagnose Spastik vor, lässt sich die Stärke der Spannung über Messskalen abschätzen. Diese Skalen erfassen die Spastik zum einen objektiv und zum anderen subjektiv.

  • Objektiv: Die Untersuchung und Einschätzung übernehmen meist Physiotherapeut*innen. Sie bewegen beispielsweise Ihre Gliedmaßen und registrieren, wie, wann und wie stark die Spastik einsetzt.
  • Subjektiv: Die Betroffenen geben an, wie stark sie die Spastik empfinden.

Diagnostik Spastik: Messinstrumente

Die Messinstrumente oder Skalen, die für das Testen auf Spastik eingesetzt werden, sind:

  • (Modifizierte) Ashworth-Skala (MAS): Diese Methode kann die Spastizität von Muskeln beurteilen. Sie misst, wie stark die Spannung der Muskeln bei passiver Bewegung (also beim Bewegtwerden) zunimmt.
  • Numerische Rating-Skala (NRS): Auf einer Skala von 1–10 schätzen Betroffene ein, wie stark ihre Spastik ist (0 = keine Spastik, 10 = schlimmste Spastik).7

Solche Skalen erlauben, dass alle Beteiligten die Ausprägung einer Spastik besser einschätzen und bezeichnen können. Die NRS wird auch eingesetzt, um die Stärke von Schmerzen zu erfassen. Auch lassen sich über diese Einteilung Verbesserungen oder Verschlechterungen der Spastik feststellen.

Spastik-Diagnostik: Spastik und Rigor abgrenzen

Rigor ist ein Begriff aus der Medizin und bedeutet, dass Muskeln stark angespannt sind. Der Unterschied zu einer spastischen Verkrampfung lässt sich so beschreiben:

  • Spastik: Bei passiver Bewegung baut sich die Muskelspannung mit zunehmender Geschwindigkeit der Bewegung auf.
  • Rigor: Der Widerstand der Muskeln bleibt gleich – egal, wie stark oder schnell die Muskeln bewegt werden. Der Rigor ist beispielsweise ein Hauptsymptom der Parkinson-Erkrankung.

Häufige Fragen zu Diagnose der Spastik bei MS

Was passiert bei einer Spastik?

Die Spastik ist ein häufiges Symptom bei MS . Bei einer Spastik ist die Eigenspannung von Muskeln dauerhaft erhöht. Der Grund dafür ist eine Schädigung bestimmter Regionen im Gehirn (Pyramidenbahnein Teil vom Nervensystem). Die Nerven dieser Region steuern über das Rückenmark die koordinierte Bewegung mit.2

Wie lässt sich eine Spastik lösen

Eine Spastik lässt sich manchmal durch Dehnübungen lösen, die Sie in der Physiotherapie erlernen können. Wichtig ist auch, nach Möglichkeit den Auslöser (Trigger) zu meiden oder auszuschalten. Was eine Spastik triggert und wie sie sich am besten lösen lässt, ist sehr individuell. Jeder Betroffene sollte sich beobachten und die Wirkung verschiedener Behandlungsformen ausprobieren.

Was löst eine Spastik aus?

Die Auslöser für eine Spastik im Alltag sind bei jedem Menschen verschieden. Beispiele sind:

  • Harnwegsinfekte
  • volle Blase
  • Schmerzen
  • Verstopfung
  • zu wenig Schlaf
  • Wärme oder Kälte
  • Stress
  • zu enge Kleidung
  • schlecht angepasste Hilfsmittel3

„Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Unbekannt

Disclaimer

Diese allgemeinen Informationen haben nicht die Absicht, eine Erkrankung zu diagnostizieren oder medizinisches Fachpersonal zu ersetzen. Um die beste Beratung für Ihre Krankheit sowie Antworten auf Ihre medizinischen Fragen zu erhalten, sollten Sie einen Mediziner konsultieren. Nur ein Arzt kann Ihre Lage vollumfänglich und angemessen einschätzen und entscheiden, welche Behandlungen erforderlich sind.

Quellen:

  1. Gelbe Liste. Spastik bei Multipler Sklerose – Symptome. https://www.gelbe-liste.de/neurologie/pharmakotherapie-bei-ms-spastik/ms-induzierte-spastik-symptome#:~:text=Spastik%20zählt%20bei%20Multipler%20Sklerose%20nicht%20zu%20den,mehr%20als%20die%20Hälfte%20aller%20MS-Patienten%20an%20Spastizität.
  2. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Mobilität und Spastik. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-behandeln/symptomatische-therapie/mobilitaet-und-spastik/
  3. Platz T. et al. Therapie des spastischen Syndroms, S2k-Leitlinie, 2018, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. https://www.dgn.org/leitlinien
  4. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-verstehen/vom-symptom-zur-therapie/symptome/
  5. US National Multiple Sclerosis Society http://www.nationalmssociety.org/Symptoms-Diagnosis/MS-Symptoms
  6. Gelbe Liste. MS-induzierte Spastik – Diagnose. https://www.gelbe-liste.de/neurologie/pharmakotherapie-bei-ms-spastik/ms-induzierte-spastik-diagnose#:~:text=%20MS-induzierte%20Spastik%20–%20Diagnose%20%201%20Diagnose.,sich%20in%20der%20Regel%20die%20klinisch-neurologische…%20More%20
  7. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. AWMF, 2019

Letzter Zugriff auf Internetquellen 04.02.2022